Am 21. Juli 1889 nahmen fünf von der Schweizerischen Lokomotiv- und
Maschinenfabrik SLM in Winterthur gebauten Lokomotiven des Typs G 3/4 ihren
Dienst auf der neu eröffneten Strecke Landquart - Davos auf. Die damalige
Landquart - Davos Bahn LD erwartete vom Hersteller eine
Triebfahrzeugkonstruktion, welche auf einer maximalen Steigung von 45 Promillen
eine Last von 45 Tonnen mit 15 km/h zu ziehen imstande ist. Die SLM griff
damals auf die Erfahrungen einer bereits an die Brünigbahn der SBB gelieferten Maschine
mit der Achsfolge C zurück: Die Brünigbahn war damals die einzige
Meterspurbahn, deren Betriebsverhältnisse annähernd mit denen der LD
zu vergleichen waren.
Um dem Pflichtenheft der LD gerecht zu werden, musste die Lokomotive mit einem
grösseren Kessel und einer stärkeren Dampfmaschine ausgerüstet
werden. Die dadurch entstandene Gewichtszunahme musste auf eine
zusätzliche Laufachse verteilt werden, um den zulässigen max.
Achsdruck nicht zu überschreiten. So entstand die für die
Konstruktion der ersten LD-Lokomotive typische Achsfolge 1C. Die
Führungseigenschaften der zusätzliche Laufachse kamen der Fahrkultur
der Lokomotiven sehr zugute.
Die G 3/4 übertraf bezüglich Ihrer Leistung die gestellten
Erwartungen und beförderte die 45 Tonnen in den Steilrampen mit 18 km/h.
| Betriebsnummer | 1 - 5 | 6 - 8 | 9 - 10 | 11 - 14 | 15 - 16 |
| Baujahr | 1889 | 1896 | 1901 | 1902 | 1909 |
| Loknamen | Nr. 1: Rhätia Nr. 2: Prättigau Nr. 3: Davos Nr. 4: Flüela Nr. 5: Engadin |
Nr. 6: Landquart Nr. 7: Chur Nr. 8: Thusis |
Nr. 9: - Nr. 10: - |
Nr. 11: (Heidi) Nr. 12: - Nr. 13: - Nr. 14: - |
Nr. 15: - Nr. 16: - |
| Erbauer | Schweizerische Lokomotiv- und Maschinenfabrik Winterthur SLM | ||||
| Länge über Puffer | 7945 mm | 8384 mm | 8434 mm | ||
| Gesamter Achsstand | 4500 mm | 4700 mm | |||
| Leergewicht | 23.5 t | 24.5 t | 26.6 t | ||
| Dienstgewicht | 30.2 t | 31.7 t | 34 t | ||
| Adhäsionsgewicht | 25.7 t | 26.8 t | 28 t | ||
| Kohlenvorrat | 0.95 t | 1.1 t | 1.1 t | ||
| Wasservorrat | 2.6 m^3 | 3.1 m^3 | 3.1 m^3 | ||
| Triebraddurchmesser | 1050 mm | ||||
| Laufraddurchmesser | 700 mm | ||||
| Dampfmaschine | Nassdampf Zwillingsmaschinen | ||||
| Zylinderdurchmesser | 340 mm | ||||
| Kolbenhub | 500 mm | ||||
| Steuerung | Walschaerts | ||||
| Rostfläche | 0.9 m^2 | 1.0 m^2 | |||
| Heizfläche feuerberührt | 4.8 m^2 | 4.8 m^2 | 6.2 m^2 | ||
| Heizfläche gesamt | 62.0 m^2 | 61.0 m^2 | 65.0 m^2 | ||
| Kesseldruck | 12 atü | ||||
| Indizierte Leistung bei 20 km/h | 250 PS / 185 kW | ||||
| Zugkraft bei 20 km/h | 3300 kg | ||||
| Spitzengeschwindigkeiten | 45 km/h (18 km/h bei 4.5% und 45 t) | ||||
Das stetig steigende Verkehrsaufkommen belastete die Lokomotiven stark.
Bereits 1890, ein Jahr nach der Betriebseröffnung, musste eine weitere Lok
der Appenzellerbahn als Vorspann zwischen Küblis und Davos eingemietet
werden, um den Fahrplan einhalten zu können. Trotzdem führte die hohe
Dauerbelastung zu frühzeitigen Schäden an den Fahrwerken, was zu
Verstärkungsmassnahmen im mechanischen Bereich der Lok führte.
Bereits zehn Jahre nach Eröffnung der LD musste sich die Direktion nach
neuen Lokomotiven für den Streckenabschnitt Küblis - Davos umsehen.
Die Lösung für das Traktionsproblem für die Steilstrecken
löste man 1891 mit dem Kauf von Dampflokomotiven der Bauart Mallet. Die G
3/4 - Lokomotiven wurden ab diesem Zeitpunkt auf die flacheren Talstrecken
verbannt.
Die Erweiterung des Streckennetzes von Landquart bis nach Thusis anno 1896
führte zu einem weiteren Mangel an Triebfahrzeugen. Die mittlerweile in
Rhätische Bahn RhB umbenannte bündner
Bahngesellschaft beschaffte aus diesem Grunde drei weitere Lokomotiven vom Typ
G 3/4. Bis auf den um 1.5 t vergrösserten Kohlevorrat blieb dieses Baulos
mit der ersten Serie von 1889 aber weitgehend identisch.
Mit den Netzerweiterungen der RhB von Reichenau nach Ilanz (1899), Thusis -
Preda - Engadin (1903) und Celerina - St. Moritz wurde für die Talstrecken
eine weitere Serie an G 3/4 bei der SLM bestellt. Im Gegensatz zu ihren
Vorgängerinnen wurden diese Maschinen mit der Nummer 9 bis 14 konstruktiv
verstärkt: Der feste Achsstand vergrösserte sich um 200 mm. Die
beiden baugleichen Maschinen Nr. 15 und 16 folgten aufgrund der
Streckeneröffnung von Davos nach Filisur im Jahre 1909.
Bereits 1913 begann die RhB zuerst im Engadin und später an der Albula
mit der Elektrifizierung des Streckennetzes. Der Kauf von leistungsstarken
Elektrolokomotiven in grosser Stückzahl machte die mittlerweile
ältesten und schwächsten Dampflokomotiven der RhB bald
überflüssig. So wurden die jüngsten G 3/4 bereits nach nur
16-jährigem Einsatz bei der RhB verkauft.
Drei Exemplare konnten sich noch für einige Jahre bei der RhB behaupten.
Die Lok Nr. 11 und 14 wurden als Dampfreserve in Landquart und in Samedan
eingesetzt. Die "Rhätia" überstand die Zeit, obwohl 1928
ausrangiert, unversehrt bis 1947. Damals wurde sie für das
Verkehrshaus der Schweiz
in Luzern reserviert. 1970 wechselte sie leihweise zur
Blonay - Chamby Bahn. Zum
100-jährigen Bestehen der RhB konnte die "Rhätia" 1988
wieder zurück auf das Streckennetz der RhB geholt und in Betrieb genommen
werden. Sie gehört heute zum Bestand der historischen Fahrzeuge der
Rhätischen Bahn.
Diesellokomotiven ersetzten die Dampfreserve der RhB, was das Aus der beiden
letzten betriebenen G 3/4 bedeutete: 1972 wurde die Nr. 14 an die
Appenzellerbahn verkauft, wo sie seither für Nostalgiefahrten im Einsatz
steht.
1977 veräusserte die RhB auch die Lok Nr. 11 (Heidi) an die
Modellbahnfreude Eiger in Zweilütschinen. Der Verein hielt die Lok 13
Jahre in Betrieb und setzte sie für Nostalgiefahrten auf dem Streckennetz
der Berner-Oberland-Bahnen
BOB ein. Im Mai 2000 erwarb der "Club
1889" die Lok von den Modellbahnfreunden Eiger zurück. Seither
befinden sich wieder zwei Exemplare dieser Lokgattung auf den Geleisen der
Rhätischen Bahn.
| Betriebsnummer | Name | Verbleib |
| 1 | Rhätia | 1928 ausrangiert, 1947 reserviert für das Verkehrshaus der Schweiz, 1970 leihweise an die Blonay-Chamby, 1988 zurück an die RhB und Wiederinbetriebnahme |
| 2 | Prättigau | 1925 verschrottet |
| 3 | Davos | 1917 verkauft nach Luxemburg, 1954 verschrottet |
| 4 | Flüela | |
| 5 | Engadin | |
| 6 | Landquart | 1923 verkauft nach Brasilien |
| 7 | Chur | 1923 verkauft, 1943 verschrottet |
| 8 | Thusis | |
| 9 | - | 1926 verkauft an die SBB Brünigbahn, verschrottet 1941 |
| 10 | - | 1926 verkauft an die SBB Brünigbahn, verschrottet 1942 |
| 11 | (Heidi) | 1977 verkauf an Modelleisenbahnfreunde Eiger, Zweilütschinen, für Nostalgiefahrten BOB, 2000 Rückkauf durch Club 1889 (RhB) |
| 12 | - | 1923 verkauft nach Spanien, 1970 verschrottet |
| 13 | - | 1950 verschrottet |
| 14 | - | 1972 verkauf an Appenzellerbah AB für Nostalgiefahrten |
| 15 | - | 1924 verkauft an die SBB Brünigbahn |
| 16 | - | 1924 verkauft an die SBB Brünigbahn |
Vom 07.04.2000 bis 19.05.2000 befand sich die von Zweilütschinen im Berner Oberland zurückgeführte G 3/4 Nr.11 "Heidi" auf dem Werksgelände der RhB-Hauptwerkstätte in Landquart. Am 19. Mai fand die Überführung von Landquart in die Lok-Remise von Filisur statt, wo sie bis zur Restauration durch den "Club 1889" aufbewahrt wird.
Ohne Dampf werden die Kolben nicht ordnungsgemäss geschmiert, weshalb das Gestänge für die Überfahrt z.T. entfernt wurde.