Die Blüte der Dampflokzeit in Deutschland hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts schon längst begonnen, als die Postkutsche als damals einziger Konkurrent zur Eisenbahn noch lange nicht vergessen war. Und während in England verschiedene private Bahnunternehmungen um die effizientesten Verbindungen auf denselben Streckennetzen buhlten, profitierten die einzelnen deutschen Länderbahnen von einer Monopolstellung innerhalb ihres Einsatzgebietes. So gab es im Deutschland des 19. Jahrhunderts kaum Anreize für die lokalen Lokomotivkonstrukteure, die damals übliche maximale Reisegeschwindigkeit von 90 km/h zu erhöhen.
Die 1899 ins Leben gerufene Studien- gesellschaft für elektrische Schnellbahnen St.E.S. liess die Machbarkeit von elektrischen Fernschnellbahnen untersuchen. Die Versuchsreihe mit Drehstromlokomotiven der Firmen AEG, UEG und Siemens & Halske erreichte 1903 mit dem Überschreiten der 210 km/h-Marke auf einer Strecke des Preussischen Kriegsministeriums ihren Höhepunkt. Diese Geschwindigkeit bedeutete damals den absoluten Weltrekord auf Schienen und wurde bis zu diesem Zeitpunkt von keinem anderen Fahrzeug auch nur annähernd erreicht. Dieses beeindruckende Potential einer damals neuen Traktionsart setzte nun auch die deutsche Dampflokindustrie unter Druck.
Bereits 1902 schrieb der Verein Deutscher Ingenieure VDI einen Wettbewerb
für die Entwicklung einer Hochgeschwindigkeits-Dampflok aus, die 180
Tonnen Anhängelast mit 150 km/h Spitzengeschwindigkeit befördern
sollte.
Die damals vorhandenen Gleisanlagen wurden mehrheitlich für
Fahrgeschwindigkeiten von weniger als 100 km/h und für maximale Achslasten
von lediglich 16 Tonnen gebaut. Die neue Lokomotive sollte also nicht nur
schnell sein, sondern auch über ein möglichst oberbauschonendes
Fahrwerk verfügen.
Nachdem erste Entwürfe nicht überzeugten, schlugen die meisten
Bewerber zweifach gekuppelte Vierzylinder-Heissdampf-Verbundloks vor. Auf
Empfehlung des Geheimen Oberbaurats Wittfeld konnte sich aber die
Dreizylinder-Nassdampf-Verbundlok durchsetzten, welche bei Henschel & Sohn
von Oberingenieur Kuhn ausgearbeitet wurde.
1904 setzte die Preussische Staatsbahn die unter der Fabriknummer 6260
fertiggestellte Lokomotive als «Altona 561» (Gattung S9, Bauart
Kuhn-Wittfeld) in Betrieb. Das in Bezug auf die Schonung des Unterbaus
äusserst günstige Fahrwerkskonzept mit der Achsanordnung 2'B2'
erfüllte die Erwartungen jedoch nicht: Die eigenwillig anmutende
Dampflokomotive mit ihrem Frontführerstand und Vollverkleidung litt wegen
des weit zurückgedrängten Kessels unter einem stark hecklastigen
Gewichtsüberhang, welcher die Laufeigenschaften negativ beeinflusste.
Ausserdem vermochte das Nassdampftriebwerk die Lokomotive lediglich auf maximal
144 km/h zu beschleunigen, was hinter den Erwartungen zurück blieb.
Im Hinblick auf die 1906 in Nürnberg stattfindende Bayerische Jubiläums-Landes-Ausstellung wollte die Bayerische Staatsbahn etwas besonderes präsentieren und beschloss im Jahre 1905 den Bau einer speziellen Schnellfahrlokomotive.
Die in München ansässige Lokomotivfabrik J.A.Maffei feierte bereits 1902 international beachtete Erfolge mit ihrer badischen «IId» (Achsfolge 2'B1'), welche damals mit einer Spitzengeschwindigkeit von 144 km/h als schnellste deutsche Serienlokomotive galt. Selbstredend erhielt J.A.Maffei auch den Zuschlag für diese neue Herausforderung.
Der geniale Chefkonstrukteur der bayerischen Lokomotivschmiede, Anton Hammel
(1857 - 1925), welcher bereits für die badische «IId»
verantwortlich zeichnete, war die treibende Kraft für eine heutzutage
unvorstellbare Leistung: Nach dem Bestellungseingang der neuen Lokomotive im
Dezember 1905 konnte am 30. April 1906, nach nur vier Monaten Konstruktions-
und Bauzeit, auf dem Gelände der Maffei-Werke eine neue Lokomotive
erstmals unter Dampf gesetzt werden, deren konstruktive Merkmale in der
Dampflokomotivgeschichte einen Meilenstein setzten und ihrer Zeit um Jahre
voraus waren.
Am 3. Mai 1906 rollte Hammels Lokomotive als erstes nach Nürnberg und traf
pünktlich zur Eröffnung der Landesausstellung ein. Dort erntete sie
zurecht die Bewunderung des interessierten Publikums, welches die damals
grösste je gebaute Lokomotive auf Postkarten als «Maffei'sche
Riesenlokomotive» würdigte.
Die Übergabe an die Bayerische Staatsbahn erfolgte am 21. Oktober 1906, wo die Lokomotive die Bahnnummer 3201 erhält. Sofort wurde sie ausgiebig erprobt. Dabei erfüllte sie von Beginn weg alle Erwartungen. Schliesslich nahm die Bahnverwaltung die Lokomotive am 6. Mai 1907 endgültig ab und begann im Juni des selben Jahres mit umfangreichen Schnellfahrversuchen.
Am 5. Juli 1907 veröffentlichte der Eichstätter Kurier folgenden Bericht:
| Eichstätter Kurier Zitat vom 5. Juli 1907 «Am 1. und 2. Juli wurde mit einer von der Firma J.A.Maffei in München gebauten 2/6 gekuppelten Vierzylinderverbund-Schnellzuglokomotive S 2/6 auf der Linie München-Augsburg Schnellfahrten mit sehr günstigem Ergebnis veranstaltet. Die Lokomotive beförderte einen Wagenzug von 150 t Gewicht mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 130 km/Std. Längere Zeit hindurch erreichte sie eine Geschwindigkeit von 154.5 km/Std., somit 4.5 km/Std. mehr, als die Fa. Maffei garantiert hatte. Es dürfte dies wohl die grösste Geschwindigkeit sein, die jemals in Europa mit einer Dampflokomotive gefahren wurde. Der Gang der Maschine war dabei bemerkenswert ruhig und die Dampferzeugung trotz der hohen rund 2000 PS betragenden Arbeitsleistung so reichlich, dass die Fahrt mit gleicher Geschwindigkeit noch längere Zeit hätte fortgesetzt werden können...» |
Während die technischen Informationen in diesem Zeitungsartikel betreffend der Rekordfahrt vom 2. Juli 1907 absolut korrekt sind, irrte sich der Journalist des Eichstätter Kuriers mit seiner Mutmassung, dass es sich um die grösste Geschwindigkeit handelt, die jemals in Europa von einer Dampflokomotive gefahren wurde.
In England tobte zu jener Zeit ein erbitterter Konkurrenzkampf zwischen der
Great Western Railway GWR und der London & South Western Railway LSWR.
Beide Bahngesellschaften verbanden London mit Plymouth - einer bedeutenden
Hafenstadt für die Atlantik-Schifffahrt. Die GWR versuchte mit ihren
ebenso prestigeträchtigen Postzügen die Reisezeit der
Personenzüge der LSWR zu unterbieten.
Die Zweizylinder-Nassdampf-Lokomotive «City of Truro» hatte am 9. Mai
1904 einen 150 t schweren Zug in einem ersten Abschnitt in Richtung Plymouth zu
befördern. Ein Zug-Zeitnehmer ermittelte dabei bei Wellington Bank mit
einer Stoppuhr eine Geschwindigkeit von 102.3 mph (164.6 km/h).
Ob der deutsche Journalist nichts von diesem damals bereits zweijährigen Rekord wusste oder nichts wissen wollte, ist spekulativ. Tatsächlich bekundete man in Deutschland erheblich Mühe, die englischen Rekordfahrten anerkennen zu wollen. Das lag daran, dass man in Deutschland stets repräsentative Werte zu ermitteln versuchte: Eine Rekordfahrt musste demzufolge auf einer horizontalen Strecke mit definierter Last durchgeführt und von einem Messwagen genaustens protokolliert werden. In England hingegen betrieb man einen Wettlauf um Fahrzeiten auf spezifischen Strecken, wobei es lediglich die jeweilige Konkurrenz zu schlagen galt. Die Tatsache, dass die «City of Truro» ihre Rekordgeschwindigkeit im Gefälle von 11-12.5 erreichte, spielte dabei ebenso wenig eine Rolle, wie die nicht ganz zweifelsfreie Art der Geschwindigkeitsmessung.
Ganz im Gegensatz zu Rekordmeldungen aus England und den Vereinigten Staaten
lässt sich mit Sicherheit sagen, dass der am 2. Juli 1907 aufgestellte
damalige deutsche Rekord durch die S 2/6 auch weltweit die erste
protokollarisch bestätigte Fahrt war, bei der mit reiner Dampfkraft auf
Horizontalfahrt unter Last die 150 km/h-Geschwindigkeitsmarke
überschritten und die Höchstgeschwindigkeit, dank ausreichender
Kesselleistung, auch dauerhaft konstant gehalten werden konnte.
Beteiligte der Rekordfahrt wollten sogar wissen, dass noch höhere
Geschwindigkeiten nur vereitelt wurden, weil der Lokführer wegen einer
Kurve abbremsen musste. Allerdings muss eine solche Äusserung
natürlich ebenfalls als Spekulation abgetan werden!
Ab 1907 setzte die Bayerische Staatsbahn die S 2/6 im Schnellzugsdienst ab München, meist auf der Linie nach Augsburg ein.
Mit Ausnahme von Amerika und einigen anderen überseeischen
Ländern prägten im Schnellzugsbetrieb bis zur Jahrhundertwende immer
noch zwei und dreiachsige Personenwagen das tägliche Bild. Mit dem
Übergang zu vierachsigen Drehgestellwagen wurde nun auch in Europa das
Zugsgewicht deutlich erhöht: Rechnete man um 1880 für einen
unbelegten Reiseplatz in einem Wagen der 1. und 2. Klasse noch mit 350 kg und
in der 3. Klasse sogar mit 175 kg Platzgewicht, so erhöhte sich dieses nun
mit der Einführung von Vierachsern auf 1250 kg bzw. 750 kg.
Die in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts noch von vielen
Bahngesellschaften beschafften Zweikuppler-Maschinen erwiesen sich nun
innerhalb weniger Betriebsjahre für den schweren Schnellzugsdienst wegen
ihres geringen Adhäsionsgewichtes als zu schwach. Diese Tatsache bekam
auch die S 2/6 zu spüren: Was 1906 noch hoffnungsvoll als
Hochleistungs-Schnellzuglokomotive konzipiert wurde, konnte bereits drei Jahre
später den Bestimmungszweck nicht mehr ohne Kompromisse an die Fahrzeit
erfüllen. Mit der Einführung der S 3/6 wurde die S 2/6 schliesslich
aus dem schweren Schnellzugsdienst verdrängt. Bereits 1909 stieg sie in
München in den Status der Reservelok ab.
1910 wurde die S 2/6 an das Pfälzer Netz abgegeben. Die bayerische
Staatsbahn linksrheinisches Netz, wie die Pfalzbahnen seit 1909 offiziell
betitelt wurden, setzte auf ihren langen und ebenen Linien immer noch zweifach
gekuppelte Lokomotiven mit grossem Erfolg ein. So liess sich die S 2/6 in
diesen topographischen Verhältnissen ideal in den Fahrdienst integrieren
und bewährte sich bis 1918 im täglichen Einsatz zwischen
Bingerbrück, Ludwigshafen und Strassbourg.
Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges und der damit verbundenen neuen
Grenzziehung zwischen Deutschland und Frankreich wurde das Einsatzgebiet der S
2/6 aber stark beschnitten. Gerne hätte es die bayerischen
Staatseisenbahnen gesehen, wenn im Rahmen der Zwangsabgabe von 5000 Lokomotiven
von Deutschland an die Siegermächte die S 2/6 von französischen
Eisenbahngesellschaften übernommen worden wäre. Wie im Betriebsbuch
der S 2/6 eindeutig vermerkt wurde, zeigten die Alliierten jedoch kein
Interesse an der bayerischen Einzelgängerin. Bis 1921 verblieb sie deshalb
in Ludwigshafen, wo sie in untergeordneten Diensten weiterhin ihr Gnadenbrot
verdiente.
1921 kehrte die S 2/6 in ihr altes Heimatdepot München zurück und
leistete ihre letzten Einsätze im Personenzugsverkehr. Nach und nach
machten sich aber die Schwachpunkte der Leichtbauweise bemerkbar. Nachdem der
Kessel und der Tender bereits mehrere male repariert werden mussten,
kündigte sich in der Mitte der Zwanzigerjahre das allmähliche Ende
der Nutzungszeit der S 2/6 an. Nur eine Generalrevision hatte die
Ausserbetriebsetzung verhindert, was damals aber bei einer Zweikupplerin
wirtschaftlich längst nicht mehr vertretbar war.
Mit der Zusammenlegung der Länderbahnen zur Deutschen
Reichsbahngesellschaft integrierte man die S 2/6 noch in die
Umzeichnungspläne und führte sie buchmässig als Baureihe 15.001.
Die Umnummerierung selber wurde aber nur auf bürokratischem Wege
vollzogen. Bevor eine neue Beschriftung an der Lokomotive angebracht wurde, lag
im Frühjahr 1925 eine Verfügung der Reichsbahngesellschaft aus Berlin
vor, wonach alle zweigekuppelten Lokomotiven aus dem Bestand zu nehmen seien.
Diese Verfügung hätte das Ende der S 2/6 bedeutet, wäre sie im
selben Jahr nicht noch einmal für die Verkehrsausstellung in München
als Exponat aufgeboten worden.
Schliesslich verdanken wir es weitsichtigen Eisenbahnfachleuten, dass die S 2/6
nicht verschrottet wurde, sondern im Verkehrsmuseum (heute DB-Museum) in
Nürnberg zur Ausstellung gelangte, wo sie noch heute besichtigt werden
kann.
Datum |
Aktion |
Farbgebung |
30. April 1906 |
Auf dem Werksgeländer der Maffei-Werke in München wurde die S 2/6 erstmals unter Dampf gesetzt. |
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3. Mai 1906 |
Die S 2/6 wurde vorübergehend Exponat an der Bayerische Jubiläums-Landes-Ausstellung in Nürnberg. |
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21. Oktober 1906 |
Inbetriebnahme der Lokomotive bei der Bayerischen Staatsbahn mit der Betriebsnummer 3201. |
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6. Mai 1907 |
Endgültige Fahrzeugabnahme durch die Bayerischen Staatsbahn. |
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bis 1907 |
Zahlreiche Probefahrten: Am 2. Juli 1907 erfolgte die Rekordfahrt: 150 t Anhängelast auf ebener Strecke mit einer Geschwindigkeit von 154.5 km/h. |
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1907 bis 1909 |
Einsatz im Schnellzugsdienst mit Heimatbahnhof München vorwiegend auf der Strecke München - Augsburg und München - Nürnberg - Ulm. |
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1909 |
Verdrängung in die Reserve durch die 1908 neubeschaffte, stärkere S 3/6. |
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Oktober 1910 |
Abgabe der Lok an die Bayerischen Staatseisenbahnen linksrheinisches Netz (Pfälzer Netz). Bis 1918 Schnellzugsdienst auf der Strecke Bingerbrück- Ludwigshafen-Strassburg ab dem Heimatbahnhof Ludwigshafen. |
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vermutlich 1911 |
Ersatz der Pulsometer-Dampfstrahlpumpen durch nichtsaugende Friedmann-Injektoren. |
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1916 |
Verstärkung der Tenderdrehgestelle durch Aufnieten von Blechen. |
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1918 |
Reservedienst ab Ludwighafen. |
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1921 |
Umstationierung nach Augsburg und Einsatz im Personenzugsdienst. |
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1922 |
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1925 |
Umzeichnung der S 2/6 in BR 15.001 der
Deutschen Reichsbahn. Es blieb aber bei einer rein bürokratischen Aktion:
Die Neubeschriftung an der Lok wurde nicht mehr vollzogen. Technische
Mängel machten eine Generalrevision nötig, die aufgrund der
Wirtschaftlichkeit nicht mehr durchgeführt wurde. Es folgt die
Ausserbetriebsetzung. |
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zwischen 1947 und 1969 |
|
Um die Konstruktion der S 2/6 besser zu verstehen, müssen zuerst die
technischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen betrachtet werden:
Vor dem 1. Weltkrieg war das Reisen ein Luxus, welcher vorwiegend der
wohlhabenden Bevölkerungsschicht vorbehalten war. Diese erwartete - ihrem
Stande entsprechend - eine Beförderung mit allem erdenklichen Komfort: Es
war die Zeit der prestigeträchtigen Luxuspersonenzüge. Diese
erstreckten sich aber aufgrund der quantitativ geringen Auslastung meist nur
über eine kurze Zugslänge. Andererseits waren die üblichen im
Personenverkehr eingesetzten Schnellzugswagen noch von einer sehr leichteren
Bauart. Die für diese leichten Zugstypen benötigten Traktionsmittel
waren vor allem in Bezug auf eine hohe Reisegeschwindigkeit und weniger auf
hohe Anhängelasten optimiert.
Wie bereits erwähnt, war der Oberbau zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch
relativ schwach ausgebildet und die maximale Achslast auf 16 Tonnen pro Achse
limitiert. Die Lokomotivkonstrukteure der damaligen Zeit hatten prioritär
auf den Umstand Rücksicht zu nehmen, dass die Gleisbelastung mit
zunehmender Reisegeschwindigkeit überproportional ansteigt. Die Fahrwerke
schnellfahrender Fahrzeuge mussten entsprechend mit zusätzlichen
oberbauschonenden Massnahmen ausgebildet werden.
Seit jeher bestimmte die Leistungsfähigkeit der Lokomotive und die
damit verbundene Grösse der erforderlichen Aggregate das Lokomotivgewicht
und - in Abhängigkeit der zulässigen Achslast - die minimale Anzahl
der Achsen. Die Platzierung der ausreichend dimensionierten Feuerbüchse
zwischen den Rädern spielte ebenfalls eine wesentliche Rolle und
beeinflusst die Achsfolge einer Lokomotive.
Ein hohes Adhäsionsgewicht und ein hohes Drehmoment, welches durch ein
möglichst grosses Verhältnis zwischen Raddurchmesser und
Kurbelzapfenwirkkreisdurchmesser (Kolbenhub) sowie einer hohen Zylinderleistung
erreicht wird, ist lediglich beim Anfahren und bei hohen Zugkräften im
niedrigen Geschwindigkeitsbereich erforderlich. Im hohen
Geschwindigkeitsbereich verlieren diese Attribute zunehmend an Bedeutung,
während die Kesselleistung in den Vordergrund tritt.
Anton Hammel erkannte, dass die für die geforderte Leistungsklasse
erforderlichen Dampferzeugungsaggregate Dimensionen einnehmen würden,
welche mindestens eine sechsachsige Lok erforderlich machten. Da für die
Förderung der geforderten 180 Tonnen Zugsgewicht 32 Tonnen
Adhäsionsgewicht ausreichen, entschied er sich für eine
Zweikupplerin.
Das Bedürfnis nach gleisschonenden Fahrwerkstechniken gewann mit
zunehmenden Reisegeschwindigkeiten und Achslasten immer stärker an
Bedeutung. Bei Geschwindigkeiten höher als 100 km/h stossen fest im Rahmen
gelagerte führende Achsen an ihre Grenzen, da ungefederte Axiallagerungen
Schläge vom Oberbau ungedämpft auf den Fahrwerksrahmen
übertragen: Dadurch werden Fahrzeug und Geleise hohen Belastungen
ausgesetzt und können Schaden nehmen.
Seit der Weltausstellung in Chicago, 1893, wurde bei Lokomotivkonstruktionen
mit fest im Rahmen gelagerten Führungsachsen ein möglichst hoher
Massenschwerpunktes propagiert, welcher durch einen hochgelegene Kessel zu
erreichen war. Diese Massnahme hatte in Kombination mit einem schmalen,
innenliegenden Fahrwerksrahmen ein labileres Fahrverhalten der Fahrzeuge zur
Folge. Der dadurch erreichte Dämpfungseffekt wirkte so natürlich in
beschränktem Masse oberbauschonend. Im höheren
Geschwindigkeitsbereich stellten jedoch solche primitiven konstruktiven Tricks
keinen gangbaren Kompromiss mehr dar. Um eine gute Dämpfung gegen
Querschläge bei gleichzeitig günstiger Fahrstabilität zu
erreichen, musste eine mechanische Lösung gefunden werden.
Ein geeigneter Lösungsansatz stand mit den Laufdrehgestellen vor allem in
Amerika schon recht früh zur Verfügung: Bereits in den
Dreissigerjahren des 19. Jahrhunderts fanden diese in 2'A-Lokomotiven
Verwendung. Und - ebenfalls in Amerika - profitierte man bereits seit einigen
Jahrzehnten von den hervorragenden Laufeigenschaften von vierachsigen
Drehgestell-Wagen. Es ist deshalb kaum eine Überraschung, dass
ausgerechnet der Geheime Oberbaurat Wittfeld 1904 den Entwurf von Kuhn's
«Altona 561» gegenüber anderen Vorschlägen bevorzugte, da
diese mit ihren beiden führenden Drehgestellen excelente Laufeigenschaften
bei minimaler Gleisbelastung versprach. Zudem hatte die Achsfolge 2'B2' den
Vorteil, dass die für die geforderte Kesselleistung erforderliche grosse
Feuerbüchse spielend zwischen der Kuppelachse und dem Nachlaufdrehgestell
Platz fand und nicht zwischen zwei grossen Triebachsen «eingeklemmt»
werden musste.
Wichtige Grundsätze im Fahrwerksbau konnten beim Bau der S 2/6
eingehalten werden. So gab es auf beiden Seiten der Lokomotive keinen
Gewichtsüberhang: Der schwere Zylinderblock stützt sich mit seinem
Masseschwerpunkt exakt auf dem Drehbolzen des Vorlaufdrehgestelles ab.
(Schornstein, Rauchkammer, Zylinderblock und Drehzapfen befinden sich
schulbuchmässig auf einer Linie.) Der Langkessel verteilte sein Gewicht
auf den beiden angetriebenen Achsen und der Gewichtsüberhang der schwere
Stephenson-Kupferfeuerbüchse wurde vom Nachlaufdrehgestell aufgenommen.
Anton Hammel ist es somit gelungen, die Achslasten der
Sowohl die Trieb- als auch die Kuppelachse waren bei der S 2/6 mit genügend Axialspiel versehen worden, dass sie auch bei Kurvenfahrten keine Führungsaufgabe übernehmen mussten. Die wegfallenden Axialbelastungen gestatteten so einen Leichtbau der besonders heiklen Kröpfachse, welche für das Vierzylindertriebwerk Bauart v. Borries (Einachsantrieb) erforderlich war. Diese Gewichtseinsparnisse an den exzentrisch angeordneten Massen trugen zur gleichmässigen Laufkultur der Dampfmaschine bei.
Zeitzeugen lobten die Laufkultur der S 2/6 und verglichen sie mit einem vierachsigen Personenwagen. Ihr fahrwerksbedingter Schienenverschleiss war mit modernen Drehgestelllokomotive der Achsfolge Bo'Bo' oder Bo'Bo'Bo' vergleichbar und entsprechend gering.
Da Triebstangen lediglich mit einer beschränkten Drehzahl arbeiten
können, wurde, um der zu erwartenden hohen Maximalgeschwindigkeit gerecht
zu werden, ein sehr grosser Triebraddurchmesser von 2200 mm gewählt. Dank
der Achsanordnung 2'B2' war es mit Hilfe von vier kleinen Laufachsen von je
1006 mm Durchmesser trotzdem möglich, den gesamten Achstand der Lokomotive
inklusive Tender mit 18'487 mm auf weniger als 20 m zu beschränken; - eine
zwingende Vorgabe, um die damaligen Einheitsdrehscheibe mit einer
Brückenlänge von
Die bayerische Staatsbahn beschaffte 1901 in den Vereinigten Staaten bei Baldwin vier Dampflokomotiven. Dank den günstigen Erfahrungen mit diversen amerikanischen Baugrundsätzen - insbesondere des geschmiedeten Barrenrahmens - erhielten diese Einzug in den bayerischen Lokomotivbau.
Anton Hammel übernahm die Idee des Barrenrahmens bereits 1904 beim Bau
der bayerischen
Der Vorteil der geringen Gleisbelastung vermochte Nachteile wie das geringe Adhäsionsgewicht und das schlechte Verhältnis zwischen Lokomotivbruttogewicht und Reibungsgewicht nicht zu kompensieren. Dies war der Grund, weshalb die Achsfolge 2'B2' lediglich eine Zwischenstufe der Entwicklung von Dampflokomotivfahrwerken darstellte. Je nach Anwendungsbereich wurde bei nachfolgenden Konstruktionen zusätzliche Kuppelachsen zugefügt (2'C2', 2'D2', ...) oder die erste Laufachse im Nachlaufdrehgestell wurde durch eine Kuppelachse ersetzt (2'C1', 2'D1', ...), was bei Letztgenanntem den Rückfall auf die von den 2'B1'-Lokomotiven bekannten Fahrwerkstechniken mit Adamsachsen oder Deichseln bedeutete. Da Konstruktionen wie Adamsachsen und Bisselgestelle aber keinen führenden, sondern lediglich dämpfenden Charakter besitzen, wurde diese tendenziell eher bei konventionelleren Lokomotivtypen angewendet, während die Technik mit je einem Vor- und Nachlaufdrehgestell weiterhin vorwiegend Hochgeschwindigkeitslokomotiven vorbehalten blieb.
Der Leichtbau setzte sich auch bei der Konstruktion des Kessels durch: Um Gewicht zu sparen wurde statt 20 mm lediglich 16.5 mm dickes Kesselblech verwendet, was den damals üblichen Kesseldruck von 16 atm auf maximal 14 atm reduzierte. Um trotzdem das erforderliche Drehmoment auf die Triebachsen übertragen zu können, musste der fehlende Dampfdruck mit grösseren Dampfzylinderdurchmessern kompensiert werden.
Die beiden Drehgestelle des vierachsigen Tenders wurden von der bayerischen S 2/5 übernommen. Um gegenüber älteren Konstruktionen an Gewicht zu sparen, wurde auf einen massiven Fahrzeugrahmen verzichtet und der Wasserkasten als weitgehend selbsttragende Konstruktion ausgebildet. Der dank diesen Massnahmen nur 13.5 t schwere Tender verfügte über ein Fassungsvermögen von 26 m3 Wasser und 8 t Kohle, was für eine Stahlkonstruktion ein ausserordentlich günstiges Verhältnis zwischen Tara- und Bruttogewicht darstellt.
Jenseits der deutschen Grenze wurden die Zweckmässigkeit von stromlinienförmigen Fahrzeugverkleidungen für das Erreichen höherer Fahrgeschwindigkeiten bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts vermutet.
Der Beginn dieser Aera wurde 1883 in Frankreich eingeleitet, wo
François Ricour, Techniker bei der «Chemin de Fer de l'Etat»,
einen ersten Entwurf einer «windaufspaltenden» Lokomotive vorstellte:
Seine «120» war einer der ersten Versuche, den Luftwiderstand eines
sich bewegenden Fahrzeuges durch konstruktive Massnahmen zu reduzieren.
Die Lok verfügte über einen keilförmigen Führerstand und
über ebenfalls keilförmige Verkleidungselemente an Kamin, Dampfdom,
Rauchkammertür und Zylindern - was diesen Fahrzeuggattungen generell auch
den Spitznamen «àbec» (= schnabelförmig) eintrug. Ferner
wurden die Radspeichen mit Holzsegmenten versehen, welche die
Zwischenräume füllten und die Räder als Scheibenräder
erscheinen liessen.
Zeitgenössische Quellen möchten den konstruktiven Massnahmen von
François Ricour eine Verbesserung der Energienbilanz von 12 % bis 14 %
zusprechen. In Anbetracht der damaligen langsamen Fahrgeschwindigkeiten
dürfte aber dieser Umstand eher auf eine bewusstere Fahrweise des
Lokpersonals, als auf eine vermeintlich verbesserte Aerodynamik zurück zu
führen gewesen sein (Anmerkung des Autors).
Obwohl die angeblich positiven Betriebs- resultate wissenschaftlich nie belegt
werden konnten, vermochten sie die Verantwortlichen in Frankreich trotzdem so
sehr zu überzeugen, dass zwischen 1888 und 1904 verschiedene Serien der
sogenannten «Coupe vent» («Windschneider») gebaut wurden.
Die futuristische Erscheinung dieser Lokomotiven erregten in der
Öffentlichkeit grosses Aufsehen. Deshalb erschien das Sujet der
«Coupe vent» bis zum ersten Weltkrieg zu Werbezwecken immer wieder
auch auf zahlreichen Postkarten.
Anton Hammel übernahm von François Ricour sowohl die Idee, als
auch die aerodynamischen Grundsätze für den Bau der S 2/6. Mangels
damaliger wissenschaftlicher Grundlagen vermuteten beide den geringsten
Luftwiderstand in der Form einer keilförmigen «Windschneide».
Die Erkenntnis kam erst später, dass eine tropfenförmiger
Körper, mit stumpf gerundeter Nase und kontinuierlich schlanker werdenden
Rumpf viel weniger Luftwiderstand verursacht. So erklärt es sich, weshalb
an der S 2/6 aerodynamisch relevante Verkleidungselemente am Dampfdom und am
Kamin als «Windschneiden» auf der falschen, dem Fahrtwind zugewandten
Seite platziert wurden. Entsprechend lassen neuzeitliche Berechnungen auch bei
der S 2/6 Zweifel an der Effizienz der getroffenen Massnahmen zur Reduktion des
Luftwiderstandes aufkommen.
Den grössten aerodynamischen Nutzen brachte der Lokomotive zweifelsfrei das spärliche Anbringen von Zusatzaggregaten und Leitungen an der Kesselaussenwandverkleidung ein. Der glatten «Aussenhaut» und der ursprünglich grauen Farbgebung wegen verdankt die S 2/6 schliesslich auch den Spitznamen «Zeppelin».
«Windschneiden» erhielt die S 2/6 an der Rauchkammertüre, den
Zylindern, dem Kamin, dem Dampfdom und am Führerhaus.
Dank dem Verzicht auf eine Vollverkleidung sind die typischen optischen
Merkmale von Dampflokomotiven erhalten geblieben. So verleiht die
Teilverkleidung dem Fahrzeug das charakteristische, zeitlos elegante
Erscheinungsbild, indem sie das klassische Element mit einem harmonisch
futuristischen in Einklang bringt.
Obwohl die S 2/6 im zeitgenössischen Hinblick auf ihren Einsatz als
Hochgeschwindigkeits- lokomotive durchaus als in jeder Hinsicht gelungen
bezeichnet werden darf, lässt sich nicht von der Hand weisen, dass einige
zur Zielerreichung notwendigen konstruktiven Kompromisse im Verlaufe der
Betriebsjahre Probleme verursachten. In erster Linie war es der Leichtbau,
welcher die Dauerhaftigkeit einzelner Teile stark herabsetzte. So erwiesen sich
die von der S 2/5 übernommenen Tenderdrehgestelle bald als zu schwach.
1916 wurden sie durch Aufnieten von Blechen verstärkt.
Schliesslich war es der Kessel, welcher mit seiner nur 16.5 mm dicken
Kesselwand nach 19-jährigem Einsatz bereits sanierungsbedürftig war
und zur Stilllegung der Lokomotive führte.
Paradoxerweise wurde ein «Hauptleiden» der Lokomotive erst bei der
kosmetischen Instandstellung für das Museum entdeckt: Der Tender, welcher
in engen Radien oft zum Entgleisen neigte, war bereits ab Werk zu kurz an den
Lokomotivrahmen gekuppelt. Trotz der bereits erfolgten Ausserbetriebsetzung
wurde daraufhin die Kupplungsdeichsel um 30 mm verlängert, was
entsprechend den gesamten Achsstand der Lokomotive beeinflusste.
Offen bleibt die Frage, weshalb die Techniker von Maffei den Tender so kurz
kuppelten: Ob es ein unentdeckter Irrtum war oder ob auf diese Weise
Schwingungen bei Hochgeschwindigkeitsfahrten hätten vermindert werden
sollen, lässt sich leider nicht mehr nachvollziehen.
| K.Bay.Sts.B. S 2/6
3201 |
|
Baujahr |
1906 |
Erbauer |
J.A.Maffei |
Länge über Puffer |
21'182 mm |
Achsstand ohne Tender |
11'700 mm |
Gesamter Achsstand inkl. Tender |
18'487 mm |
Leergewicht ohne Tender |
75.7 t |
Dienstgewicht ohne Tender |
83.4 t |
Adhäsionsgewicht |
32 t |
Kohlenvorrat |
8 t |
Wasservorrat |
26 m3 |
Trieb- & Kuppelraddurchmesser |
2200 mm |
Laufraddurchmesser |
1006 mm |
Dampfmaschine |
Heissdampf-Vierzylinder-Verbund |
Zylinderdurchmesser Hochdruck |
2 x 410 mm |
Zylinderdurchmesser Niederdruck |
2 x 610 mm |
Kolbenhub Hochdruckzylinder |
640 mm |
Kolbenhub Niederdruckzylinder |
640 mm |
Steuerung |
Heusinger, Kolbenschieber |
Rostfläche |
4.71 m2 |
Überhitzerfläche |
38 m2 |
Heizfläche gesamt (Verdampfungsheizfläche) |
214.5 m2 |
Kesseldruck |
14 bar |
Indizierte Leistung |
ca. 1620 kW |
Zulässige Fahrgeschwindigkeit |
150 km/h (154.4 km/h auf Rekordfahrt am 2. Juli 1907 mit 150 t Anhängelast auf Horizontalfahrt) |
Die S 2/6 spielte in ihrer Geschichte ohne Zweifel eine tragische
Doppelrolle: Obwohl sie 1906 ihrer Zeit technisch weit voraus war und in ihrer
Ausführung perfekt dem Pflichtenheft entsprach, wurde sie konzeptionell
bereits nach sehr kurzer Einsatzdauer von den sich rasch ändernden
Rahmenbedingungen eingeholt und - mit Ausnahme von wenigen Betriebsjahren in
der Pfalz - in eine Nebenrolle als ungeliebte Einzelgängerin
gedrängt. Abgesehen von den Rekordfahrten anno 1907 deutet somit der
Werdegang der S 2/6 eigentlich auf die Geschichte einer unbedeutenden
Fehlkonstruktion hin, die nie in Serie gebaut wurde und nach wenigen Jahren aus
dem Dienst verschwand.
Die historische Bedeutung dieser Lokomotive liegt aber nicht in ihrer
betrieblichen Laufbahn begründet: Vielmehr spielte die S 2/6 technologisch
und konzeptionell eine Vorreiterrolle, welche nicht nur den Lokomotivbau
nachhaltig beeinflusste.
Die Konstruktionsmentalität vor hundert Jahren unterschied sich zur
heutigen im Wesentlichen darin, dass mit jeder Entwicklung meist die Absicht
verbunden war, ein möglichst dauerhaftes Produkt zu schaffen. Entsprechend
wurden die meisten Elemente überdimensioniert, um Materialermüdungen
auch langfristig gänzlich ausschliessen zu können.
Die Vorgaben für die Neuentwicklung zwangen Anton Hammel mit der
herkömmlichen Konstruktionsphilosophie zu brechen und die Grenzen des
gegenwärtig machbaren auszuloten. Diesem Umstand folgten natürlich
sowohl positive, als auch negative Aspekte: So sind einerseits konstruktive
Glanzleistungen wie der Entwurf des Tenders hervorzuheben, dessen Wasserkasten
als selbsttragende Konstruktion ausgebildet wurde. Die Konsequenz aus dieser
Art der Entwicklung ist die heutige, die Fahrzeugbautechnik dominierende
Integralbauweise: Neben ihrer Funktion als Fahrzeugverkleidung ist die
Karosserie gleichzeitig auch das tragende Element.
Der bei der Entwicklung der S 2/6 angestrebte Leichtbau war aber auch ein
Kompromiss zwischen Materialaufwand und Langlebigkeit: Als Konsequenz des
Leichtbaus wurde die Lebensdauer der Lok herabgesetzt, beziehungsweise der
Fahrzeugunterhalt aufwendiger. Vermutlich nicht im Sinne der Erbauer kann so
die S 2/6 auch als Symbol für den Wandel vom Einfachen und Robusten zum
kurzlebigen High-Tech-Produkt wahrgenommen werden, welche heutzutage zunehmend
alle Lebensbereiche dominieren.
Ebenfalls ist das mit der «Altona 561» aufgegriffene Fahrwerkskonzept mit den für die Spurführung verantwortlichen Vor- und Nachlaufdrehgestellen erfolgreich realisiert worden. Weltweit machten Konstrukteure von Hochleistungs- und Rekordlokomotiven immer wieder von dieser Lösung gebrauch. Als namhafte Beispiele aus der Dampflokzeit seien die beiden als Hochgeschwindigkeitsloks konzipierten deutschen Baureihen 05 (2'C2') und 06 (2'D2') oder die amerikanischen Hudsons (4-6-4), Northerns (Niagaras) (4-8-4), Challengers (4-6-6-4), Big-Boys (4-8-8-4) und die Class S-1 6100 (6-4-4-6) aufgeführt.
Das Schicksal der Serienuntauglichkeit und auch der Kurzlebigkeit teilte die S 2/6 mit vielen anderen Rekordlokomotiven: So wurde auch die grösste, stärkste und inoffiziell schnellste Dampflokomotive der Welt - die Class S-1 6100 der Pennsylvania Railroad - als Einzelstück gebaut und nach nur zehn Betriebsjahren aus Gründen der Wirtschaftlichkeit bereits wieder verschrottet.